Tour 8 – Zwischen Offenbach und Frankfurt

Tour 8 – Zwischen Offenbach und Frankfurt

3 Häfen und 7 Kräuter – Tour (in der Achterbahn um die Kaiserlei)

Auf dieser Tour liegen Zumutung und Erlösung immer nah beieinander, manchmal weiß man nicht, was was ist und manchmal fallen sie in eins. Die Dynamik und die Widersprüche der Region werden vielleicht nirgends so deutlich spürbar wie im Grenzgebiet der beiden alten Rivalen Frankfurt und Offenbach, wo die „modernen Zeiten“ sich an einer über tausend Jahre alte Territorialgrenze reiben können und Flurstreifen für den Kräuteranbau ebenso überraschend inmitten der Stadtlandschaft auftauchen wie die laute und dreckige Geschäftigkeit eines ausgewachsenen Industriehafens. Manche dieser Widersprüche und Kontraste sind längst Teil der Folklore und des Selbstverständnisses beider Städte, andere gilt es noch zu entdecken – eine Achterbahnfahrt der Eindrücke und Gefühle ist der Tag rund um die Kaiserlei in jedem Fall!

AUSFÜHRLICHE TOURENBESCHREIBUNG

Hochhaus mit Kerbe
Ich tauche aus der S-Bahn-Station Kaiserlei auf und stehe nach wenigen Metern unter der A661 mit Blick auf die großartige Umbaustelle des ehemaligen Hochhausriegels der Kraftwerksunion. Die 20-Geschosser sind nur noch Skelette, vor ihnen türmen sich die Betonbrocken des abgebrochenenen Dritten im Bunde. Aus der Scheibe an der Berliner Straße wurde ein Stück herausgeschnitten, damit die Wohnen-auf-Zeit Appartments, die anstelle der Großraumbüros entstehen sollen, besser zu belichten sind. Der Immobilienmulti Consus hat sich auf „Problemimmobilien“ spezialisiert, häufig Bürohochhäuser aus den 70er Jahren, die er zu Luxusappartments umbaut.
Für den Umbau und die weitere Erschließung der verkehrstechnisch günstig gelegenen Kaiserlei haben sich Frankfurt und Offenbach zusammengetan. Das hat durchaus Symbolkraft, denn genau durch die Kaiserlei verläuft, in Teilen bis heute sichtbar, ein alter Graben, der sogenannte „Grenzgraben“. Er markiert eine Territorialgrenze, die als Scheidelinie zwischen Rheingau und Maingau, Frankfurt und der Grafschaft Isenburg, Frankfurt und dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt und schließlich Preussen und Hessen-Darmstadt über 1000 Jahre lang eine Landesgrenze darstellte, die erst durch die amerikanische Besatzung aufgehoben wurde. Die historisch bedeutende Grenze ist wohl auch mit dafür verantwortlich, dass Frankfurt sich auf dieser Seite des Mains nach Osten so wenig ausdehnen konnte.
Die Kaiserlei bezeichnete ursprünglich einen der Schifffahrt hinderlichen Felsvorsprung in den Main (wie Loreley). Er wurde 1852 gesprengt, nachdem die Frankfurter diese Maßnahme jahrzehntelang zu verhindern gewusst hatten, um ihr Privileg als Umschlagplatz für die Schifffahrt nicht zu verlieren. Diese Geschichte erzählt ebenso viel über das Verhältnis der ungleichen Nachbarstädte wie über die Brachialität, mit der die Moderne an diesem Ort Einzug hielt und ihn bis heute überformt, nicht zuletzt mit der mitten durch die Kaiserlei schneidenden Autobahn, die hier auf einer imposanten Rohrbogenbrücke den Fluss überquert. Ihr Auflager ruht womöglich auf den unterirdischen Resten des alten Felsvorsprungs.

Torbau vor Lagerhalle
Auf dieser Brücke überquere ich den Main und folge dann dem Radweg entlang der Autobahn. Mein Ziel: Die Toreinfahrt des Großen Riederhof. Im Vorbeifahren auf der Hanauer Landstraße hatte ich sie anderntags aus dem Autofenster gesehen und war ziemlich perplex über das altertümliche Gemäuer im Gewerbegebiet, zwischen Autobahn und Gleisen, auf Armlänge Abstand zu einer Lagerhalle. Es erinnerte mich an mexikanische Architektur in alten Western. War ich da gerade an Werbung für ein spanisches Restaurant vorbei gefahren? Oder an einer stehen gebliebenen Filmkulisse? Wikipedia klärt mich auf: Es ist der letzte Rest des Großen Riederhof, der seit dem Mittelalter als Wehrhof in die Frankfurter Stadtbefestigung einbezogen war. Nachdem man im 19 Jhdt. beim Bau der Hanauer Landstr. eigens einen Straßenknick in Kauf genommen hatte, um ihn zu verschonen, wurde die Kriegsruine in der Nachkriegszeit kurzerhand abgerissen. Wie zur Würdigung dieser unglaublichen Situation bietet mir der Radweg neben der AB hier einen kleinen Aussichtsbalkon. Dann verschluckt mich die graffitiübersähte Autobahnunterführung und spuckt mich an der Riederhofstraße (!) wieder aus.

Saunaclub vor Serverzentrum
Die Schielestraße führt zunächst mitten durch das Werksgelände der Samson AG (Weltmarkführer für Ventile in der chemischen Industrie) und dann an dem ehemaligen, nach Plänen von Peter Behrens erbauten Gaswerk mit seinen markanten Wassertürmen vorbei. Die Lehrwerkstätten in den alten Werkshallen werden von der Eastside Drogenhilfe betrieben, die hier 1993 u.a. den ersten offiziellen Drogenkonsumraum der Republik einrichtete und einen eigenen Shuttleservice vom Bahnhofsviertel und zurück unterhält. Dann folgt die Probebühne des Schauspiel Frankfurt und im Straßenknick von Schielestr. und Daimlerstr. erhebt sich, hinter dem Saunaclub FKK Mainhattan, eines der riesigen Serverzentren der Interxion. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Anbietern hat sie Frankfurt zu dem Internetknoten mit dem weltweit höchsten Datenumsatz der Welt gemacht. Die Menge von 10 Terrabite pro Sekunde entspricht dem Volumen 10 Millionen hochauflösender Videos. Der Stromverbrauch für die Kühlung und den Betrieb der Rechenzentren macht mittlerweile 20 Prozent des städtischen Gesamtverbrauchs aus, so dass die Kraftwerke der Region eigens dafür ihre Kapazitäten ausbauen müssen. Dass die Redundanz der Stromversorgung in der Region mit ihren zahlreichen Kraftwerken einen der vielen Gründe für die Bildung des Internetknotens Frankfurt darstellt, ist in diesem Zusammenhang ein interessantes Detail. Ebenso wie die Tatsache, dass die Monumente dieser neuen Leitindustrie sich trotz ihrer riesigen Maße fast unsichtbar machen. Der einem 11-geschossigen Hochhausriegel entsprechende, hellgraue und fensterlose Quader der Interxion ist beinahe noch unauffälliger als der im gleichen Grau gehaltene, nüchterne Zweigeschosser des Saunaclubs. Der unübersehbare Schriftzug und zwei einsame Nadelbäume am Ende des Parkplatzes sind die einzigen Hinweise auf Leben.

Wer die insgesamt 60 Hektar Serverzentren allein in Frankfurt im Luftbild ausfindig machen möchte, kann sich übrigens sehr gut an den flächendeckend von Kühlaggregaten bedeckten Dachflächen orientieren. Der Kühlung dienen wohl auch die Blechkamine, die das Interxiongebäude vertikal gliedern und es wie ein wenig wie ein Kraftwerk in Leichtbauweise erscheinen lassen.

Berber vor UFO
Ich erhasche eine Blick auf die riesige Flugzeugheckflosse, die den Parkplatz der Bremsen- und Räderwerkstatt der Lufthansa am Ende der Daimlerstraße einnimmt und verschwinde dann in dem schulterbreiten Durchgang namens Querstraße 80, der zum Hafenbecken führt. Ich umrunde das Hafenbecken mit Blick auf die Benzintanks von ROTH mit der tollen, blauroten Schrift auf silbernem Grund, gelange über die Querstraße 87 auf die Dieselstraße und gehe auf der rechten Straßenseite (wichtig!) bis vor zur Carl-Benz-Straße. An der Ecke Adam-Opel-Straße – bald habe ich alle Helden der deutschen Motorisierungsgeschichte beisammen – steht eine kleine Bude mit Spitzdach und Laubenanbau: „Le Berbére“ mit seinem Angebot nordafrikanischer Spezialitäten (u.a. frische Falafel) ist ein untrüglicher Hinweis auf die Existenz von Hipstern. Sie „verbergen“ sich wohl in einigen der umgebauten Fabrik- und Lagerhäuser und außerdem in dem die Kreuzung dominierenden UFO. Das gleichzeitig an Bauhaus und Brutalismus erinnernde Gebäude mit den drei runden Ecken und der maulartigen Öffnung zur Kreuzung beherbergte lange Zeit den Cocoon-Club von Technolegende Sven Väth, dessen gleichnamige Produktionsfirma ebenfalls im Haus residiert. Ich erklimme die Böschung des Ufoeingangs (toller Blick auf die weitläufige Kreuzung), gehe dann einmal um das Haus herum und anschließend die Adam-Opel-Straße entlang.

Scheibe mit Schraube
Allmählich habe ich jeglichen Maßstab verloren: Ist das Neckermann-Gebäude, an dem ich mehrere Minuten entlang gehe, jetzt riesig oder einfach nur groß? Gibt´s Neckermann überhaupt noch? Der Pförtner klärt mich auf: „Nee, schon lange nicht mehr. Das ist jetzt einfach ein Lagerhaus, wo Sie Fläche anmieten können“. Hinter dem langen Riegel kann ich einen kurzen Blick auf das versandhauseigene, denkmalgeschützte Kraftwerk erhaschen, das von einem gewaltigen Hochregallager dominiert wird, hinter dem sich das großartige Eiermann-Bürohaus verbergen muss. „Das Hochregal wird demnächst abgerissen, da kommt ein Serverzentrum hin, die größte Investition in ganz Rhein-Main, 1,8 Milliarden Euro“, sagt der Pförtner. Seinem Schrankenhäuschen gegenüber macht sich die riesige, leere Neckermann-Parkpalette breit. Nebenan erhebt sich die gewaltige Hochhausscheibe der Adam-Opel-Straße 16-18 (wie so viele Gebäude hier hat auch dieses keinen Namen und es ist nicht erkennbar, wer hier residiert, arbeitet oder firmiert). In die Fassade ist eine Auffahrtsspindel zum Parkdeck eingelassen, das sich auf dem Flachdach des „Hinterhauses“ befindet. Es ist so groß wie anderthalb Fußballfelder und bietet Platz für 300 (!) Fahrzeuge. „Das Haus mit der Schraube sagen wir dazu“, sagt der Pförtner. Links vom Haus mit der Schraube führt ein schmaler, matschiger Weg in undurchsichtiges Gelände…

Im Zwischenreich
Der Szenenwechsel könnte nicht aprupter sein. Ich befinde mich in einer schmalen, aber in der Länge unglaublich ausgedehnten Art Zwischenreich, hinter dem, das sagt mein Stadtplan, Fechenheim liegen muss. Die Gärten, Zäune und Hütten dieses Reichs sind zusammengeschustert aus allem, was nichts kostet und sich verbauen lässt. Wenn vorher Anonymität und riesiger Maßstab das geschehen bestimmten, dann sind es jetzt Individualität, Detailreichtum und Nachbarschaft. Offenbar haben sich die Fechenheimer Industriearbeiter diese Pufferzone zwischen Industrie- und Wohngebiet zu eigen gemacht und dabei die Vorschriften der Deutschen Kleingartenverordnung nur gelegentlich befolgt. Das Potpourri des urban gardening before the word wird komplettiert durch eine Friedhofsgärtnerei mit Gewächshäusern und allem was dazugehört und mehrere von Pfaden durchzogene Brachflächen, deren Brombeerbewuchs auf ehemalige Deponien schließen lässt. Als ich mich dem Ende dieser labyrinthischen Parallelwelt nähere, tut sich vor mir nochmals eine größere, dreieckige Wiese auf, deren Weite so unerwartet kommt, dass ich ehrfürchtig innehalte. Dann haben amtliche Baustandards, Asphalt und Straßennamen mich wieder: Auf der Dieburger Straße gehe ich vor bis zur Carl-Ulrich-Brücke, überquere abermals den Main und betrete wieder Offenbacher Boden.

Schöner Wohnen?
Abermals könnte das Kontrasterlebnis kaum größer sein. Kommt nach Industriegebiet und kleinen Fluchten jetzt Schöner Wohnen? Der Offenbacher Hafen war lange Zeit der zentrale Ölhafen für das gesamte Rhein-Main-Gebiet – beispielsweise landete hier das Kerosin für den Frankfurter Flughafen an -, doch seit Mitte der 70er Jahre wurde immer weniger umgeschlagen. 1998 beschloss die Stadt die Entwicklung eines neuen Quartiers auf dem Areal, aber die Bodenverseuchung und Offenbachs Ruf als „arrival city“ schreckten Investoren ab. Also nahm die Stadt das Geschäft selber in die Hand: Der hohe Anteil an öffentlichem Raum, die Ansiedlung der Hafenschule in bester Lage am Wasser ebenso wie die geplante Ansiedlung der Hochschule für Gestaltung, der Erhalt eines großen urban Gardening Projekts, die erkennbare Sorgfalt in der Anordnung und Gestaltung der Baukörper mit ihrer interessanten Tiefenstaffelung und manch anderes Detail, lassen die erklärte Absicht, hier kein reines Quartier für die Schönen und Reichen, die in Frankfurt nicht unterkommen, sondern zusätzlichen Lebensraum für die Stadtbewohner entstehen zu lassen, glaubwürdig erscheinen.

Der Reiz des Unfertigen und der Transformation, der hier durchaus kultiviert wird, wird mit fortschreitender Fertigstellung dennoch immer schwächer werden. Deshalb sollte man den Hafen jetzt noch genießen: Auf der Promenade westwärts wandelnd, geht das Fertige allmählich über in das Provisorische, das Improvisierte, das Abgeräumte, die Baustelle und ja: auch in das Fossile. Dieser Gedanke kommt mir angesichts des Kohlekraftwerks der Energieversorgung Offenbach, denn die Kohleberge mit dem dazugehörigen (denkmalgeschützten und illuminierten) Laufkran sind, ebenso wie das Kraftwerk selbst, der beste ästhetische Kontrapunkt, den man sich nur wünschen kann. Dass man sich kurz danach unter das Betondach ducken muss, das die Promenade vor herabfallenden Kohlebrocken schützt, passt natürlich wunderbar in diese Dramaturgie, in die auch der Kulturverein Hafen 2 mit seinen Bauten irgendwo zwischen Industrieschuppen und Zirkuszelt gehört oder der nach einer Blueslegende benannte Technoclub Robert Johnson, der seit Ewigkeiten in den Räumen eines Ruderclubs gegenüber eines hochverseuchten, ehemaligen Teerfabrikgeländes residiert.

Urlaub im Industriegebiet
Diesmal führt mich der Weg unter der Kaiserleibrücke hindurch. Vom Steg der Staustufe Offenbach habe ich einen tollen Rückblick auf die Kaiserlei und Ausblicke auf die Frankfurter Skyline und den Osthafen mit seinen Getreidespeichern. Am anderen Ufer empfängt mich, mal wieder, ein Betonwerk – in Rhein-Main wird gebaut! – an dem ich rechts entlang gehe. Zwischen Öltanks und Containerabstellplatz führt die Querstr. 72 wieder an ein Hafenbecken (und über Pfade neben den Gleisen auch wieder hinaus), aber da es sich dabei um Hafengelände handelt, folgt diese Wegbeschreibung der Franziusstr. ein Stück weiter und biegt dann links in die Intzestr. ein. Jetzt wird es ungemütlich: Schwere LKWs brausen im Minutentakt vorüber, wirbeln Staubwolken auf, unterbrechen das (Selbst)gespräch. In der Schmickstraße sind die langen Wände der Betriebsgelände der Bauschuttentsorger- und Recycler mit bestellten Graffitis geschmückt. Das offene Tor der Rhein-Main Entsorgungsservice GmbH erlaubt einen Blick in die Halle, in der Bauholz zerkleinert wird – am Hafenbecken hatte ich anderntags die Kähne gesehen, in die das geschredderte Material verladen wurde. Dann kommt der Musik- und Atelierbunker Schmickstr. 18 in Sichtweite: Der massive Betonklotz aus dem 2. Weltkrieg beinhaltet Proberäume und Studios und dient als Sockel für einen überkragenden Atelierriegel. Dahinter duckt sich die Gaststätte Zur Insel, eine Institution im Osthafen, in der seit Jahrzehnten die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und deren Wirtin für diejenigen, die mehr wissen wollen über die Gegend, eine gute Anlaufstelle ist. Schräg gegenüber führt der Schwedlerweg an den Schwedlersee, einen Badesee mitten im Industriegebiet! Er ist entstanden aus einer begonnenen und dann abgebrochenen Verlängerung des Hafenbeckens. Das bereits ausgehobene Verlängerungsstück füllte sich mit Grundwasser und brachte einen Schwimmverein auf die Idee, sich hier anzusiedeln. Das war im Jahr 1921 und seitdem ist der Schwedlersee ein Geheimtipp unter den Frankfurter Schwimmbegeisterten. Auch wenn nur Vereinsmitglieder ins Wasser dürfen (weil der kleine See für einen Massenandrang zu empfindlich ist): Urlaub in der Stadt, so der Slogan, kann hier jeder machen, auf der wunderschönen, auf Pfählen im Wasser stehenden Terrasse des Café-Restaurants.

Jöst-Häuschen Nr. 1
Ich folge dem Nordbecken in voller Länge. Hier, auf der „Landseite“ des Hafenareals, dringt die Innenstadt spürbar an den Hafen heran und große Bürogebäude säumen den Kai. Als ich zur Honsellbrücke gelange, die die Hafeneinfahrt überspannt, ist endgültig Schluss mit Industrieromantik, Zementstaub und Containerbollern. Über den Hafenpark und die Skaterbowl hinweg, blicke ich auf den den Himmel spiegelnden Kristall der EZB (den ich bislang nur aus Bad Banks kannte). Im Familie Montez, dem großartigen Kunstverein unter der Brücke, hole ich mir einen Kaffee und steige die Stufen hinauf auf die Brücke. Am Kreisverkehr auf der Spitze der Hafenhalbinsel mache ich einen kurzen Abstecher hinunter zum ältesten Kiosk der Stadt. Er trägt den Ehrentitel Jöst-Häuschen Nr. 1, benannt nach dem geschäftstüchtigen Adam Jöst, der einst ein ganzes Kioskimperium in Frankfurt besaß, so dass sein Name zum Synonym wurde. Das Jöst-Häuschen Nr. 1 ist heute von Hans-Jürgen Hammerschmiedt gepachtet. Die lange Tradition des Ortes ist ihm wichtig: „Das alte Pissoir, mit dem wir uns unsere kleine Verkehrsinsel teilen, das sollten Sie sich noch ansehen. Und schauen Sie mal hier“ – ich beuge mich über die Theke, um in der Tiefe des Raumes etwas erkennen zu können – „das ist der Fuß einer alten Straßenlaterne. Die ist so dick wie ein Baumstamm und aus massivem Gussstahl, die haben sie nicht weggekriegt, da haben sie sie einfach oben abgesägt und den Stumpf umbaut.“ Ich trete zurück und beginne, die Insel zu umkreisen. Aus dem Teerpappedach des Kioskanbaus schaut der Laternenstumpf tatsächlich heraus wie ein kurzer Schornstein. Ein zur Unkenntlichkeit umgebauter Kiosk von 1912, eine abgesägte Gussstahllaterne, ein verbarrikadiertes Jugenstilpissoir: Es ist wirklich ein kleines, geradezu pariserisches Ensemble, das sich hier an der westlichen Hafeneinfahrt unsichtbar macht, um auf bessere Zeiten zu warten.

Last Exit Landpartie
Von der Osthafenbrücke genieße ich noch mal den Nahblick auf die Skyline, bevor ich mich für längere Zeit von ihr abwende und die Treppen zum Main hinuntersteige. Vorbei am sogenannten Rudererdorf mit seinen zahlreichen Einkehrmöglichkeiten in den Vereinsheimen, gelange ich zum Übergang über die B43 und zur Unterführung unter der ICE-Trasse Frankfurt-Fulda. Endlich stehe ich in den berühmten Grüne-Soße-Feldern. Wie oft habe ich sie aus dem Zug über Frankfurt nach Kassel gesehen und jedes Mal gestaunt über dieses plötzliche Auftauchen von Landwirtschaft und die unglaublich fotogene Anordnung aller Bildbestandteile:

„Die Furchen der Felder laufen geradewegs auf den Betrachter zu. Das nach Oberrad leicht ansteigende Gelände der Felder und Gewächshäuser reicht bis tief in die dahinterliegende Bebauung hinein. Diese wiederum setzt sich zusammen aus mehreren Schichten zwei- bis dreigeschossiger Kleinstadtbebauung und sich dahinter erhebenden Großsiedlungsbauten der 1960er und 70er Jahre. Auf der Vorbeifahrt wird das stets gleiche Grundmotiv – Felder, dahinter mehrere Schichten niedriger Bebauung, dahinter Großsiedlung – in zahlreichen Variationen durchgespielt, ohne dass sich die hierfür so wichtige Blickführung hangaufwärts entlang der Ackerfurchen verschiebt. Das ist großes Stadtlandschaftskino!“ (Zitat aus Boris und Tom Sieverts: Elemente einer Grammatik der Ränder)

Nun bin ich also mittendrin! Am Ausgang der Unterführung komme ich an einem Wahlplakat vorbei: OBERRAD BLEIBT KRÄUTERDORF. Die Solidarische Landwirtschaft hat einen Wachturm (mit einem Sockel aus rotem Sandstein!) gebaut, nachdem professionelle Kräuterdiebe ganze LKW-Ladungen von den Feldern geklaut hatten. Ein Wegweiser weist den Weg zum Grüne-Soße-Denkmal. Im Dorf bestelle ich mir im Grüne Soße und mehr Grüne Soße-Pfanne mit Spätzle und Hähnchenfleisch und setze mich damit neben die Skulptur einer Bäuerin mit Kräuterballen auf dem Kopf. In der Vitrine mit den Bekanntmachungen gibt die Grüne Soße-Königin ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das Grüne-Soße-Fest nächstes Jahr wieder gefeiert werden kann. Sie trägt einen grünen Mundschutz. Oder bilde ich mir das nur ein? „Zwischen Sossenheim und Soßenheim liegt nur ein Schreibfehler“, geht es mir durch den Kopf und auf einmal kommt es mir so vor, als ob die Szenerie hier ein wenig derjenigen in den berühmten Cartoons von Chlodwig Poth ähnelt (Glossar: „Last exit Sossenheim“). Um das abschließend beurteilen zu können, müsste ich länger hier verweilen und mich gründlicher umsehen, aber es zieht mich zurück auf die Felder: Der Duft eines nicht abgeernteten Thymianfelds begleitet mich eine Weile, dann der Anblick eines mit Graffiti übersäten Gewächshauses. Auf der dem Feld zugewandten Wand seines Grundstücks wirbt Ralf Gerhard in riesigen, verschnörkelten Lettern für seinen HANDWERKSBETRIEB. Dahinter Sandra Beck in der gleichen Schrift für ihr COSMETIC STUDIO. Ob die beiden ein Paar sind? Ob man die Schriften auch vom Zug aus noch lesen kann? Jedenfalls bin ich offenbar nicht der Einzige, für den diese Rückseite des Dorfes seine eigentliche Vorderseite darstellt! Als der Weg kurz nach links und dann wieder nach rechts verschwenkt, fällt mein Blick über die Felder auf die Frankfurter Skyline und ich denke für einen kurzen Moment, dass ich vielleicht besser andersrum gegangen wäre: Eine schönere Vedoute (Glossar!) habe ich selten gesehen, die ohnehin eigenartig entrückten Frankfurter Wolkenkratzer wirken hinter dem „bodenständigen“ Vordergrund der Felder und Gewächshäuser maximal nah und fern zugleich. Auf dem Acker ist der Regen gefroren und die Oberrader Kinder laufen Schlittschuh – was ist hier Kulisse und was Realität? Dann taucht die Landschaft langsam, aber stetig in das Rauschen der A661 ein. Weg und Bahnlinie laufen aufeinander zu und begegnen sich exakt an der Autobahn. Ein letzter Trampelpfad führt neben der Autobahn unter der Eisenbahnbrücke hindurch und weiter über den Parkplatz des Mercedes-Benz-Center Kaiserlei bis an die Treppen zur S-Bahn-Station.

WEGBESCHREIBUNG

1
Die S-Bahn-Station Kaiserlei nach Westen verlassen (Ausgang Brüsseler Platz). Nach rechts wenden und die Kaiserleipromenade überqueren. Geradeaus bis vor die Hyundai Zentrale gehen, dann die Warschauer Straße überqueren und auf dem stillgelegten Kreisverkehr nach links gehen. Auf dem für die Baumaßnahme eingerichteten Fußweg nach rechts unter der A661 hindurch gehen.

2
Die Strahlenbergerstraße und anschließend die Auffahrt zur Brücke überqueren (Achtung: Wegen der Baustelle gibt es keine geordneten Übergänge, man muss sich seinen Weg selber suchen!). Auf dem Rad- und Fußweg neben der AB den Main überqueren. Auf dem ersten Treppenabgang die Brücke verlassen. Nach links unter der AB hindurch gehen und gleich links die nächste Treppe zur AB wieder hochgehen. Den Weg auf dieser Seite der AB fortsetzen.

3
Nach 550 m Blick auf den Rest des Riederhofs. Rechts in die Fußgängerunterführung gehen, auf der anderen Seite der AB kurz wieder rechts und die Treppe runter. Der Riederhofstraße neben der AB folgen und die nächste links (Schielestraße).

4
Gegenüber dem FKK Mainhattan in die schmale Gasse neben der Zufahrt zur Lufthansawerkstatt gehen (Querstraße 80). Der Straßenführung um das Hafenbecken herum folgen und auf der gegenüberliegenden Seite über die Querstraße 87 das Becken wieder verlassen. Auf der Dieselstraße nach links gehen (auf der rechten Straßenseite!), dann rechts in die CarlBenz-Straße einbiegen. Am Imbiss Le Berbère die Straßenseite wechseln.

5
Die Adam-Opel-Straße überqueren und die Böschung des UFO-Eingangs erklimmen. Gegen den Uhrzeigersinn um das UFO herum gehen, dann rechts die Adam-Opel-Straße entlang. Nach 500 m hinter dem Bürohaus mit der Auffahrtsspindel rechts in den matschigen Fußweg einbiegen. Nach 70 m links auf den Schotterparkplatz wechseln, überqueren und rechts zwischen die Gärten gehen.

6
Den nächsten Gartenweg links und dann wieder rechts gehen, auf dem Pfad zwischen Kleingartenanlage/Gärtnerei und Siedlung. Am Ende des Pfads rechts auf den asphaltierten Weg einbiegen.

7
Kurz nach der Einfahrt zur Gärtnerei führt links ein schnurgerader Weg zwischen Gärten entlang. Dem bis zum Ende folgen, dann rechts auf den Pfad einbiegen, der gleich wieder nach links schwenkt. Die Richtung beibehalten und auf dem Pfad bleiben (an den Zäunen zu den Betriebsgeländen entlang). Nach der Rechtskurve rechts halten, die große Wiese überqueren und zur Ecke Carl-Benz-Straße/Dieburger Straße vorgehen.

8
Überqueren und geradeaus bis zur Brücke und über den Main gehen. Dann rechts in den Offenbacher Hafen und auf der Hafenpromenade und am Mainufer entlang bis zur Staustufe Offenbach. Den Main überqueren, dann rechts die Franziusstraße entlang.

9
Nach 350 m (hinter den Öltanks) führt links die Querstraße 72 unter der Schranke hindurch zum Hafenbecken, von wo Pfade neben den Gleisen auch wieder hinausführen. Jedoch, da es sich dabei um Hafengelände handelt, folgt diese Wegbeschreibung der Franziusstraße 100 m weiter und biegt dann links in die Intzestraße ein, dann wieder links in die Schmickstraße.

10
Nach 600 m führt rechts ein ausgeschilderter Fußweg zum Schwedlersee und zum nächsten Hafenbecken. Am Hafenbecken entlang gehen bis zur Honsellbrücke. Die Hafeneinfahrt überqueren. Am Kreisverkehr links runter zum Kiosk, dann wieder hochgehen und auf der Osthafenbrücke über den Main. Am Mainufer fl ussaufwärts bis ans Ende des Rudererdorfs, dann hoch zur Gerbermühlstraße. Überqueren und unter der Bahn hindurch geradeaus in die Felder.

11
An der ersten Feldwegkreuzung links, dann den nächsten Weg wieder rechts, bis in die Bebauung hinein. Links in die Kochstraße einbiegen, der Straßenführung folgen und dann auf der Offenbacher Landstraße bis zum Oberräder Markt gehen.

12
Links in die Wasserhofstraße einbiegen und nach 100 m rechts in die kleine Bachwiesenstraße. Den Knicks der Bachwiesenstraße folgen und dann geradeaus zwischen die Gewächshäuser und in die Felder gehen. Am Ende des Weges kurz links und dann gleich wieder rechts bis an die Böschung der Autobahn. Dem Trampelpfad neben der Autobahn und unter der Eisenbahnbrücke hindurch folgen bis zur S-Bahn Kaiserlei.

Karte

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